Oktober 2009

 

Pressemitteilung „Pflegenotstand˜
Beitrag in „Thema˜ vom 28.09.2009, ORF2

 

Werte Kolleginnen und Kollegen,

Im ORF2 wurde am 28.09.2009 in der Sendung „Thema˜ um 21:15 ein Beitrag unter dem Titel „Pflegenotstand˜ ausgestrahlt.

Da wir der Meinung sind, dass dieser Beitrag die wirkliche Problematik in der Pflege nicht darstellt, hat der Dachverband als unsere Interessensvertretung folgende Stellungnahme zum vorgenannten Beitrag an den ORF gesandt:

Der Dachverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs, die Interessensvertretung der stationären Altenpflege, verwehrt sich entschieden gegen die einseitige Darstellung in der Sendung „Thema˜.

Etwas Falsches wird auch durch Tausendmal Gesagtes nicht richtig!˜, weist der Präsident des Dachverband, Mag. Johannes Wallner, die pauschale Darstellung zurück.

Wir haben in Österreich keinen Pflegenotstand. Richtig ist, dass wir in einigen Bereichen Probleme haben, und das unter anderem in der Steiermark. Der vom Land Steiermark vorgegebene Personalschlüssel liegt weit unter dem österreichischen Durchschnitt, und zum Teil sogar unter dem mancher osteuropäischer Länder. Die zuletzt beschlossenen Gesetzesänderungen konnten dies bei weitem nicht wettmachen, was in anderen Bundesländern schon lange Standard ist˜, stellt Johannes Wallner fest. Falsch ist auch die Behauptung, dass mehr als die Hälfte der Heime privat geführt sei. Denn mehr als 80 % aller Heimplätze werden entweder von der öffentlichen Hand oder gemeinnützigen Organisationen bereit gestellt.

Wo liegen im Detail die großen Probleme in der Langzeitpflege?

  • Fachkräftemangel: Österreichweit fehlen, den Schätzungen von Experten zufolge, rund 2.000 MitarbeiterInnen in Pflege und Betreuung der Hochbetagten.
  • Zeitmangel in Pflege und Betreuung: Abhängig vom jeweiligen Standard der Bundesländer, und innerhalb dieser von der Qualität des Managements, klagen viele BewohnerInnen und MitarbeiterInnen, dass meist zuwenig Zeit für Zuwendung und Gespräche bleibt. Die überbordende Bürokratie und Kontrollsucht der Behörden rauben die letzten freien Minuten der MitarbeiterInnen.
  • Leistungen der Krankenversicherungen: Sie sparen auf dem Rücken der Pflegebedürftigen, unter anderem durch meist sehr restriktive Bewilligung von Inkontinenzprodukten, Zusatzernährung, Mobilitätshilfen, medizinischer Hauskrankenpflege, Anti-Dekunbitus-Systeme. Die Zwei-Klassen-Krankenversicherung ist schon lange Realität in Österreich. Da sich die Pflegebedürftigen am allerwenigsten wehren können, bleibt dies der Öffentlichkeit zumeist verborgen.
  • Fehlende Pflegeprävention: Österreich ist Schlusslicht bei der Pflegeprävention. Allein durch Stürze erleiden rund 1/3 der betroffenen Betagten dauernde Pflegebedürftigkeit.
  • Medizinische Versorgung: Österreich fehlt für die systematische und vor allem wissenschaftliche Forschung und Lehre in der Geriatrie ein entsprechender medizinischer Lehrstuhl. Und die klinischen (pharmakologischen) Studien werden an 45jährigen Männern durchgeführt, genommen werden die Medikamente von hochaltrigen Frauen, die zudem eine Vielzahl von Präparaten, meist ohne Erforschung der Wechselwirkungen, einnehmen.
  • Systemfehler Sozialhilfe: Wer in Österreich alt und pflegebedürftig wird (immerhin rund 25% der über 85-jährigen!), wird ein Soziahilfefall. Das Pflegegeld war von vorneherein nicht konzipiert, das Risiko Pflegebedürftigkeit zur Gänze abzusichern (wie etwa bei der gesetzlichen Krankenversicherung), sondern sollte eine Armee pflegender Töchter und Frauen bei Laune halten, die Pflegearbeit in der Familie zu leisten, damit der öffentliche Haushalt möglichst billig davon kommt. Der im Regierungsprogramm vereinbarte Pflegefonds ist mehr als nötig, um den Pflegebedürftigen endlich zukommen zu lassen, was in politischen Sonntagsreden immer versprochen wird: Würdevolle Pflege und Betreuung. Das braucht mehr Personal, das kostet Geld. Das hat unsere Gesellschaft den Banken und Wirtschaftsbetrieben gegeben. Leider nicht den Betrieben, die so viele MitarbeiterInnen beschäftigen, wie die Automobil(zuliefer)industrie, nämlich die Langzeitpflege: rund 80.000 Beschäftigte, Tendenz stark steigend, wenn die Bundesländer genügend ausbilden, und der Bund Pflegefonds oder Pflegeversicherung umsetzt. Damit endlich auch die SteirerInnen den selben Pflegestandard haben wie andere ÖsterreicherInnen schon lange.

Pflege ist teuer, wie auch immer wir es drehen. Sie kostet familiäre Kräfte und Mittel, sie kostet privates und öffentliches Geld. Lediglich: Die Wertschöpfung bleibt im Inland. Und sichert Arbeitsplätze und Kaufkraft. Anders als bei der Prämie für die alten Autos: da ist die Wertschöpfung bei ausländischen Konzernen verschwunden.

Wien, 28.09.2009

Mag. Johannes Wallner
Dachverband der Alten- und Pflegeheime Österreichs

Angela Kirchgatterer, Georg Jäger, Petra Moser
Der Vorstand der SHS - Salzburger Seniorenheime